Ausbildung - Schlechte Noten für Jungs: Das starke Geschlecht schwächelt
Stuttgart (dpa/tmn) - Jungen gelten nicht mehr selbstverständlich als das starke Geschlecht. In der Schule haben sie oft die schlechteren Noten und häufiger Probleme. Sie müssen eher ein Schuljahr wiederholen und verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss.
Jungs werden in der Schule oft abgehängt - gerade beim Lesen brauchen sie nach Expertenansicht mehr Förderung. (Bild: dpa/tmn)
Die Pisa-Studie bescheinigte ihnen, dass sie schon beim Lesen nicht mehr mithalten. Die Schule nehme zu wenig Rücksicht auf Jungs, beklagen manche Bildungsforscher und fordern ein Umsteuern.
Bei der Förderung von Jungen und Mädchen gebe es ein klares Missverhältnis, sagte Bruno Köhler, Leiter des Projektes «Jungenleseliste» in Stuttgart, bei der Bildungsmesse Didacta. «Auch Jungen brauchen Förderung, gerade beim Lesen und bei der Sprachkompetenz, wo sie sich langsamer entwickeln als Mädchen.» Reine Jungs-Projekte seien aber selten. «Und wenn es sie gibt, dann geht es häufig vor allem darum, das Männerbild kritisch zu reflektieren.»
Vor 30 Jahren seien die Mädchen die Bildungsbenachteiligten gewesen. Inzwischen gelte in den Schulen mädchentypisches Verhalten als die Norm, typisches Verhalten von Jungs als defizitär. Nicht dass in den Grundschulen die Mehrzahl der Lehrer weiblich sind, sei das Problem, sondern die «Feminisierung der Pädagogik». Jungen würden in der Schule als die potenziell schlechteren Schüler wahrgenommen: «Viele Jungen bekommen bei gleichen Schulleistungen die schlechteren Noten», sagte Köhler.
Das pädagogische Konzept in Kindergärten und Grundschulen nimmt auch nach Einschätzung von Wolfgang Bergmann zu wenig Rücksicht auf die Interessen und Bedürfnisse von Jungen: «Es widerspricht ihnen sogar», sagt der Kinder- und Familientherapeut aus Hannover. Allerdings sei er nicht sicher, ob die Wahrnehmung stimme, dass Jungen in der Schule tatsächlich zurückbleiben. Sie entwickelten unbemerkt beachtliche Kompetenzen, beispielsweise beim hochkonzentrierten Spielen komplexer, umfangreicher Computerspiele, die ihnen auch Vorteile verschaffen könnten. Im Umgang mit digitalen Technologien und dem Internet seien Jungs oft ausgesprochen versiert. «Vielleicht sind sie der Schule voraus.»
Der hohe Medienkonsum sei allerdings auch eine der Ursachen für die Probleme, die Jungen in der Schule haben, warnte Margrit Wienholz, Initiatorin des Projektes «Kicken und Lesen», das Jungen motivieren soll, sowohl zum Ball als auch zum Buch zu greifen. Zwar sei erkennbar, dass Mädchen in der Schule besser abschneiden. Das bedeute aber nicht, dass alle Jungen in der Schule Probleme haben: «Es sind zwischen 20 und 25 Prozent, die sozialverträgliches Verhalten und Bildungsabschlüsse verweigern.»
Oft sind es solche Kinder, die so gut wie gar nicht von selbst lesen - egal ob Bücher, Zeitschriften oder Texte im Internet. Auch Bruno Köhler sieht einen wichtigen Lösungsansatz darin, Jungen zum Lesen zu bringen. «Sie haben eindeutig die geringere Lesekompetenz.» Das liege auch daran, dass in der Schule häufig bei der Lektüre nicht das auf dem Lehrplan steht, was Jungen interessiert. «Jungs lesen weniger Romane und mehr Sachbücher, auf ihre Interessen sollte mehr Rücksicht genommen werden.»