Hameln (dpa) – Frederike Kurz möchte Erzieherin werden, doch als Hauptschülerin hat die 15-Jährige schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Mit einem Schulversuch im niedersächsischen Hameln soll sich das nun ändern.
Drei Hauptschulen und zwei berufsbildende Schulen werden vom kommenden Schuljahr an eng zusammenarbeiten, um die Ausbildungs- und Berufschancen dieser Jugendlichen zu verbessern. An zwei Tagen in der Woche werden die Hauptschüler des 9. und 10. Jahrgangs an der Berufsschule praktischen und theoretischen Unterricht haben – zwei Jahre lang. Dafür müssen sie auch Mehrarbeit in Kauf nehmen, denn sie haben anstelle von 30 nun 36 Wochenstunden. Das Interesse der Jugendlichen ist jedoch groß.
«Wir hatten 40 Bewerbungen für das Projekt, das sind zwei Drittel der Schüler aus unseren drei 8. Klassen», sagt Raimund Seeldrayers, Leiter der Klütschule in Hameln. Doch nur 24 Plätze stehen für seine Einrichtung zur Verfügung. Die Teilnehmer seien nach Sozialverhalten und Arbeitsleistung ausgewählt worden. Die Klassenverbände werden nun neu aufgeteilt, im 9. Schuljahr werden die Schüler, die an dem Versuch teilnehmen, in einer Klasse sein.
«Die Schüler sollen bereits Kontakte zu den Betrieben knüpfen und ihre Ausbildungsfähigkeit steigern», erklärt Ronny Busch, der das Projekt an der Klütschule betreut. Für den Unterricht an der Berufsschule fallen Stunden an der Hauptschule weg. «Bei Mathe, Deutsch und Englisch werden wir die Stundenzahl nicht kürzen, dafür bei Kunst, Werken und Textil sowie im technisch-hauswirtschaftlichen Bereich», berichtet Busch.
Die Hauptschüler müssen sich für eines von sechs verschiedenen Berufsfeldern entscheiden. Dazu gehören Elektro-, Metall- und Fahrzeugtechnik, die an der Eugen-Reintjes-Schule angeboten werden. In Hauswirtschaft, Kosmetik/Körperpflege und Sozialpädagogik werden die Teilnehmer an der Elisabeth-Selbert-Schule unterrichtet. «Wir versprechen uns von dem Projekt eine viel intensivere Zusammenarbeit zwischen den Berufsschulen, Verbänden und Betrieben – und eine größere Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit», betont Werner Heuer, Leiter der beteiligten Pestalozzischule in Hameln. Mehr Jungen und Mädchen sollen den Haupt- oder Realschulabschluss schaffen.
«Alles was die Hauptschüler stärkt, ist wichtig. Auch sie müssen eine Chance bekommen», sagt Wolfgang Hartmann, Rektor der Eugen-Reintjes-Schule. Das betont auch Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU): «Die Förderung der Berufschancen von Hauptschülern ist eines der vorrangigen Ziele der Landesregierung.» Die Schüler sollten unterstützt werden, in ihrer beruflichen Orientierung individuelle Schwerpunkte setzen zu können.
Die Kollegen an den beiden Hamelner Berufsschulen müssen den Unterricht nun anders gestalten, da auch jüngere Schüler teilnehmen. Zudem sei eine umfangreiche inhaltliche Absprache mit den Lehrern der Hauptschulen wichtig, erläutert Projektleiter Klaus Wollenweber. «Der Unterricht muss Bezug zu unseren praktischen Arbeiten haben, die Themen müssen sich ergänzen», sagt er. Ein zusätzlicher Lehrer werde an der Berufsschule unterrichten. «Wir geben für die neuen Schüler Stunden ab, dafür werden Lehrer der Hauptschule unsere Berufsschüler in Mathe und Deutsch unterrichten», erklärt Wollenweber.
Auf eine gute berufliche Perspektive hofft auch Josephine Großmann. Die 14-Jährige möchte Altenpflegerin werden: «Ich will noch mehr lernen. Die zusätzlichen Stunden stören mich nicht», sagt die Hauptschülerin, die an dem Schulversuch von August an teilnehmen wird.