Erfurt (dpa) – Beim Personal sind Agrarbetriebe wählerisch: Trotz hochgerüsteter Maschinen, die GPS-gesteuert über die Felder rollen und von Computerprogrammen dirigiert ihre Arbeit erledigen, wollen sie ausgebildete Landwirte am Steuer.
«Wenn die Jungs über den Acker fahren, müssen sie feststellen können, dass irgendwas faul ist», sagt Wilfried Littmann, Geschäftsführer der Neetzower Agrarhof Peenetal GmbH in Mecklenburg-Vorpommern. Er setzt wie die meisten seiner Kollegen auf Mitarbeiter, die von der Landwirtschaft etwas verstehen. Da viele Betriebe aber nicht mehr genug geeignete Auszubildende finden, rechnet er wie die gesamte Branche mit zunehmendem Fachkräftemangel und steigenden Löhnen.
In die Landwirtschaft führt kaum ein Weg ohne abgeschlossene Ausbildung. Nach Zahlen der Bundesarbeitsagentur sind nur zwölf Prozent der Agrar-Beschäftigten ohne Ausbildung. «Die Betriebe im Osten haben einen extrem hohen Fachkräfteanteil, der deutlich über dem in den alten Ländern liegt», sagt Bettina Wiener vom Zentrum für Sozialforschung in Halle. Ein Grund ist die Spaltung in familiär und betrieblich geprägte Landwirtschaft auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze. In den alten Ländern gehören vier von fünf Vollzeitkräften zur Familie. In den neuen Ländern überwiegen Angestellte die Familienkräfte im Verhältnis sieben zu eins.
Nach Beobachtungen von Wiener halten die Betriebe bei der Nachwuchssuche überwiegend an ihren Anforderungen fest. «Es ist immer häufiger, dass lieber nicht eingestellt wird, wenn die Qualifikation fehlt.» Die Branche habe aber inzwischen den ebenso wie in der Industrie lange unterschätzten drohenden Facharbeitermangel erkannt. Länder, Betriebe und Bauernverbände starteten Projekte wie «Lernerlebnis Bauernhof», Schulpatenschaften, verteilen Broschüren oder machen zusätzliche Bildungsangebote wie in Thüringen mit Gymnasiumsklassen für Lehrlinge.
Angaben zur Zahl der unbesetzten Lehrstellen gebe es kaum, da die Betriebe freie Stellen meistens nicht den Arbeitsagenturen meldeten, sagt Andrea Weinrich, Bildungsreferentin des Thüringer Bauernverbandes. Viele Betriebe verzichteten konsequent auf Bewerber, die die Anforderungen nicht erfüllten. Andere Unternehmen gingen aber auch den Weg, «sich dann eben noch mehr Mühe mit ihnen zu geben». Tatsächlich scheiterten aber immer wieder Jugendliche mit ihren Erwartungen und Fähigkeiten an der Realität: «Die wollen Schlepper fahren oder niedliche Kälbchen betreuen, aber beim Rechnen hapert es oft.»
Die Schulbildung der Bewerber lasse tatsächlich nach, bestätigt Rüdiger Müller von der Bundesfachgruppe Landwirtschaft der IG BAU. «Die Schulen haben ein Problem», sagt der Landwirt aus Halberstadt, der bei Prüfungen auf die Frage nach 16 mal 0,5 schon mit dem Lösungsvorschlag 9,23 konfrontiert wurde oder völligem Schweigen bei der Flächenberechnung eines Ackers in Trapezform.
«Das wichtigste ist aber der Tarif, denn ein Verdienst von 1500 Euro schreckt viele ab», sagt er. Knapp über neun Euro pro Stunde sind es in den neuen Ländern für Facharbeiter. Nach Schätzungen Müllers zahlt nur ein Viertel der Betriebe nach Tarif. Darunter lägen vor allem Großbetriebe. Dort werde oft unausgesprochen mit eingerechnet, dass etliche Beschäftigte als Landbesitzer auch Pachtzahlungen von ihrem Arbeitgeber erhielten.
Einig mit der Mehrheit in der Branche ist sich Müller, dass Lehrlingswerbung in der Stadt die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen ist. Der Neetzower Geschäftsführer Littmann registriert zwar, dass auch auf den Dörfern der Bezug zur Landwirtschaft zurückgeht, weil sie immer weniger Beschäftigte hat. Dennoch suche er Nachwuchs nur in der Region: «Hier kennen wir die Eltern und haben einen gewissen Einblick auch über bloße Schulnoten hinaus.» Ganz praktisch sieht es Weinrich vom Thüringer Bauernverband: «In bäuerlich geprägten Familien wissen die Kinder noch, dass man Kaninchen auch über Weihnachten füttern muss.»