«Englisch-Verliebtheit» überdenken: Forscher für Vielfalt

Hamburg (dpa) – Der Sprachlehrforscher Prof. Klaus Hartenstein plädiert für mehr Vielfalt beim Fremdsprachenerwerb. «Gegen die Sprachfolge von Englisch als erster beziehungsweise einziger Fremdsprache spricht aus wissenschaftlicher Sicht einiges», sagte der Experte.

So habe die Sprache wegen der Allgegenwart des Englischen in unserer Kultur bereits für Grundschulkinder keinen Fremdheitseffekt mehr – und gerade der sei es, der neugierig mache und Lernenergie freisetze. Die «Englisch-Verliebtheit» vom Kindergarten (Kids-Planet) bis zum Rentenalter (best ager) sollte überdacht werden, auch vor dem Hintergrund der Sprachenvielfalt in Europa, forderte Hartenstein.

Es gebe nur wenige Schulen, an denen als erste Fremdsprache Französisch oder Spanisch gewählt werden könne. «Dabei bieten zum Beispiel Latein oder Französisch viel mehr Übertragungsmöglichkeiten, um weitere romanische Sprachen zu lernen», so Hartenstein. Entscheidend für international relevante Berufsqualifikationen könnten aber gerade diese Sprachen sein, da Englisch sowieso vorausgesetzt werde. «Englisch hat in den Köpfen von Kulturbürokraten bereits zu einer gar nicht mehr kritisch reflektierten Kolonialisierung geführt, die durch die politische, wirtschaftliche und militärische Macht der Länder, in denen Englisch Muttersprache ist, ausgelöst wird», meinte der Fremdsprachenforscher.

Besonders wichtig ist Hartenstein auch eine Verkürzung des Englisch-Unterrichts. «Elf Jahre schulischer Englischunterricht sind zu viel, da die Kompetenzen nicht unbedingt besser werden.» Englisch als erste Fremdsprache sollte darum in der 8. oder 9. Klasse eingestellt werden. «Frei werdende Kapazitäten sollten für andere Fremdsprachen genutzt werden, in denen nur eine Teilkompetenz angestrebt wird», meinte der Wissenschaftler. Englisch als Lern- und Arbeitssprache könnte zum Beispiel in anderen Fächern weiter betrieben werden. «Eine Fremdsprache zu können und viele zu kennen sollte didaktischer Grundsatz werden», sagte er.