Osnabrück/Bad Laer (dpa) – Für die fünfjährige Maren sieht es aus wie ein Spiel, aber Mathematik-Professorin Inge Schwank hat dem Kindergartenkind aus Bad Laer bei Osnabrück gerade das kleine Dreier-Einmaleins beigebracht.
Auf der Erde liegt ein Zahlenstrahl von null bis neun. Maren steht bei der neun und soll in Dreierschritten zurückgehen. Das Kind überlegt kurz und macht den ersten Schritt. «Auf die sechs», erklärt sie stolz. Dann springt sie auf die drei und auf die null. Schwank ist zufrieden. Ihr Lern-Spiel-Konzept «VorMath» funktioniert.
Deutsche Schulkinder tun sich im internationalen Vergleich schwer mit Mathematik – das haben die PISA-Studien der vergangenen Jahre gezeigt. Ein Grund könnte sein, dass Kinder hierzulande erst vergleichsweise spät gezielt den logischen Umgang mit Zahlen lernen. Der Dortmunder Wissenschaftler Prof. Erich Wittmann beschäftigt sich seit Jahren mit mathematischer Frühförderung. «Im Kindergartenbereich gibt es anders als auf dem Grundschulsektor keine vernünftigen Rahmenbedingungen zur Mathe-Frühförderung», kritisiert er. Nur Druck von Eltern und überzeugende Konzepte, die die Erzieherinnen in ihrem Alltag umsetzen können, sorgen seiner Ansicht nach langfristig für Abhilfe.
Dass mathematische Frühförderung wichtig ist, davon ist auch Hermann Cordes, Vorsitzender der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte, überzeugt. Er war lange Personalchef des Stahlwerks und hat wegen der oft schlechten Mathekenntnisse seiner Auszubildenden die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Als er von dem Projekt der Osnabrücker Mathematikdidaktikerin Schwank hörte, war er sofort bereit, es finanziell zu unterstützen. «Bei dieser mathematischen Frühförderung geht es nicht ums Büffeln oder darum, Formeln auswendig zu lernen. Kinder sollen selbst Erkenntnisse gewinnen. Dies ist ein guter Weg, zu verhindern, dass in der Berufsausbildung später Probleme entstehen.» Die Stahlwerks-Stiftung fördert das Projekt und finanziert die Weiterbildung von Lehrkräften, Erzieherinnen und Lehramtsstudenten in Workshops deshalb mit insgesamt 30 000 Euro über drei Jahre.
Sieben Grundschulen in Niedersachsen und der katholische St. Marienkindergarten in Bad Laer als einziger Kindergarten haben sich den Fortbildungsmaßnahmen angeschlossen. «Gespräche mit Grundschullehrern haben gezeigt, dass an manchen Stellen stärker als bisher gefördert werden sollte», erklärt Kindergartenleiterin Gudrun Henke. Mehr als fünf Monate hat Schwanks Team jeden Freitag mit jeweils vier Gruppen mit sieben Kindergartenkindern eine Dreiviertelstunde gearbeitet. «Unsere mathematischen Spielwelten ermöglichen es den Kindern zu verstehen, was Zahlen sind», erklärt Mathematikerin Schwank.
Damit die Kinder Freude am Spiel mit Zahlen haben, haben Schwank und ihre Mitstreiter spezielles Material wie die sogenannte Rechenwendeltreppe entwickelt. Sie besteht aus einer runden Bodenplatte, auf der orangefarbene Perlen auf Holzstöcken aufgezogen werden. Die null bleibt ohne Perle. Im Spiel wandern nun Figuren auf und ab, mal in Zweier-, mal in Einserschritten und die Kinder sehen mit eigenen Augen und erfahren mit ihren Händen, dass die Zahlen durch solche «Aktionen» miteinander verbunden sind. «Das ist ein wichtiger Schritt, um funktional denken zu lernen», ist Schwank überzeugt.