Hausaufgaben per E-Mail: Lernen an der Fernschule

Hamburg (dpa) – Ob Nachwuchssportler, musikalisches Ausnahmetalent oder junger Fernsehstar – der tägliche Gang zur Schule lässt sich für manche Kinder und Jugendliche nur schwer zwischen Training und Wettkampf oder Probe und Auftritt pressen. Doch es gibt Alternativen.

Denn lernen kann man auch per Internet. Zwei der berühmtesten Fernschüler haben gerade im März ihren Realschulabschluss geschafft: Tom und Bill Kaulitz von der Teenie-Band Tokio Hotel. Für die Leitung der web-individualschule in Bochum glich die Prüfung einem Ausnahmezustand: «Die Mädchen haben uns die Hausnummer und die Klingel geklaut, selbst die Steine aus dem Vorgarten sind als Andenken gestohlen worden», erzählt Schulleiterin Jennifer Krautscheid. Dabei sind die Zwillinge nur ein einziges Mal über den Gartenweg gelaufen: Der Unterricht fand per Glasfaserleitung statt.

Das Prinzip des Fernunterrichts ist bei Prominenten wie bei Weltreisenden stets das gleiche: Per Post oder E-Mail bekommen die Schüler Unterrichtsmaterialien und Aufgaben, die genau auf ihren Wissensstand im jeweiligen Fach zugeschnitten sind. Im Chat oder per Telefon tauschen sie sich mit ihren Lehrern aus, nur für die Abschlussprüfungen müssen sie anreisen. «Es gibt immer wieder Schüler, die zum ersten Mal ein Schulgebäude betreten und zum ersten Mal einen Lehrer sehen, wenn sie zu den Prüfungen für Externe kommen», berichtet Iris Döll-Krämer vom ILS, dem Institut für Lernsysteme in Hamburg, das auch Berufsausbildungen anbietet.

Die Projektleiterin des Fernlehrwerks für deutsche Schüler im Ausland hat den Unterricht über große Distanzen mit aufgebaut. «Eigentlich liegt der Fokus auf dem Kind, das im Ausland lebt», sagt die 56-Jährige. «Die Idee war: Wenn man nicht überall deutsche Schulen in Gebäuden hinsetzen kann, kann man eine deutsche Schule als Fernlehrwerk aufbauen.» Inzwischen büffeln 600 Schüler weltweit den Stoff von mehr als 15 Fächern beim ILS. «Wir haben praktisch ein Gesamtschulprinzip. Die Ausgangsbasis ist für alle gleich, aber die Gymnasiasten bekommen noch ordentlich etwas obendrauf», erklärt Döll-Krämer.

Etwa bis ins Alter von zwölf Jahren benötigen die Schüler noch einen Erwachsenen, der sie beim Lernen anleitet. Danach arbeiten sie in der Regel selbstständig – und teilen sich den Lernstoff und ihre Zeit frei ein. Ein unschätzbarer Vorteil, findet Nachwuchs-Pianistin Julia Kammerlander, die sich derzeit per Fernunterricht auf das Abitur vorbereitet. «Ich habe immer sehr intensiv Musik gemacht. Irgendwann wuchs die Belastung von der Schule ebenso schnell wie die vom Klavier, und es war klar, dass es so nicht gut weitergehen kann.»

Zunächst versuchte Kammerlander die Schulzeit abzukürzen, indem sie zwei Klassen übersprang. Zugleich versuchten ihre Eltern, die Erlaubnis zum Fernunterricht zu bekommen. «Am Anfang haben sie überall nur Abfuhren bekommen, das war schon sehr schwierig und sehr frustrierend», berichtet die heute 19-Jährige. Erst mit Hilfe eines «Unter-, Neben-, Hinterparagrafens» ließ sich das Schulamt umstimmen.

Denn in Deutschland besteht für Kinder unter 16 Jahre Schulpflicht, sie müssen mindestens zehn Jahre lang in die Schule gehen. «Da müssen schon beinharte Gründe vorliegen, damit das Schulamt eine Befreiung ausspricht», erläutert Döll-Krämer. Krautscheit hat die Erfahrung gemacht, das am ehesten für männliche Nachwuchssportler eine Ausnahme gemacht wird. «Gerade sportliches Engagement bei Jungen ist viel angesehener als ein Mädchen, das singt oder modelt.» Dass für diese Jugendlichen oft schon allein wegen des Neids der Klassenkameraden jeder Schulbesuch zum Spießrutenlauf werde, würde dabei vergessen.

Ob sie vom Unterricht befreit sind oder nicht – das ist Schulverweigerern egal. Viele dieser Dauer-Schwänzer leben in einem schwierigen sozialen Umfeld, einige gar auf der Straße, mal hier, mal da. Den Hauptschulabschluss aber, den wollen sie dennoch. «Uns ist es egal, ob wir heute die Post nach Düsseldorf schicken und morgen nach Köln», berichtet der Leiter der Flex-Fernschule in Breisach-Oberrimsingen in Baden-Württemberg, Thomas Heckner. Sind die Prüfungen einmal erfolgreich absolviert, lernt ein Drittel der früheren Verweigerer gleich weiter – für den Realschulabschluss.