Hochschulen öffnen sich: Berufserfahrung wird angerechnet

Oldenburg (dpa) ­ Die ersten Semester einfach überspringen? Diese Vorstellung galt bisher als undenkbar an deutschen Hochschulen. In Oldenburg ist dies jedoch seit einiger Zeit möglich. Berufserfahrene können ihre Kompetenzen auf Studienmodule anrechnen lassen.

Sie sparen so einen erheblichen Teil der Studiendauer. Mit diesem Modell hat die Oldenburger Uni eine Vorreiterrolle übernommen ­ und in der kommenden Zeit werden ihr auch andere Hochschulen folgen müssen.

«Die Durchlässigkeit von Hochschulen zu erhöhen, ist zentraler Bestandteil des Bologna-Prozesses. Viele Universitäten haben das noch nicht berücksichtigt», erklärt die Oldenburger Professorin Anke Hanft. In dem Bachelor-Studiengang «Business Administration» testen die Oldenburger diese Vorgabe seit zwei Jahren erfolgreich. Maximal 50 Prozent der Scheine können sich Studierende dadurch sparen und schneller zum Ziel kommen.

Vor allem für Unternehmer und Studienabbrecher ist dies interessant. Die eigene Selbstständigkeit, Veränderungen in der Familie oder auch plötzliche Krankheit sind häufig genannte Gründe für einen Studienabbruch. Auch dieser Gruppe gibt das Modell eine zweite Chance: Durch die Anrechnung von Berufserfahrung haben die Betroffenen nicht das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben, weiß Anke Hanft: «Gerade diese Studenten haben eine hohe persönliche Motivation. Viele wollen danach noch ein Master-Studium absolvieren.»

Besonders wichtig sei, dass die Studenten ihre Arbeit nicht für das Studium unterbrechen müssen und die Lehranstalten erkennen, dass die Studenten durch ihre Arbeits- und Lebenserfahrung auf einem anderen Level seien als jüngere Studenten. «Die können Sie nicht mit einem 20-jährigen Abiturienten in einen Kurs setzen», gibt die Professorin zu bedenken. Sie geht davon aus, dass in der Zukunft Studiengänge, die gezielt an Berufstätige gerichtet sind, in den Hochschulen erheblich an Bedeutung gewinnen werden.

«Der Druck aus der Wirtschaft ist enorm», berichtet Hanft über die Forderungen der Arbeitgeberverbände an die Hochschulen. «Bislang sind die Zugänge zwischen Hochschul- und beruflicher Bildung weitgehend verriegelt. Aber es gibt großen Handlungsbedarf wegen des Mangels an Fachkräften.» Rund 35 Prozent der Abiturienten würden heute kein Studium aufnehmen, sondern direkt ins Berufsleben starten. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und mit der Förderinitiative ANKOM (Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge) zwölf Modellprojekte geschaffen, die Zugangshemmnisse beseitigen sollen.

Zwar haben sich die deutschen Universitäten den Vorgaben des Bologna-Prozesses im Hinblick auf die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge inzwischen gebeugt. Bei der Durchlässigkeit gibt es an den traditionsbewussten Hochschulen jedoch noch Widerstand. Dieser bröckelt aber an vielen Orten: Erst in den vergangenen Woche startete die Leuphana Universität in Lüneburg das Projekt «Offene Hochschule», bei dem auch Nicht-Abiturienten der Weg an die Hochschule frei steht. Das Land Niedersachsen versüßt diesen Schritt mit jährlich 233 000 Euro in den kommenden fünf Jahren.

Die Oldenburger kooperieren als bundesweit einzige Hochschule mit der Industrie- und Handelskammer (IHK). Kompetenzen, die im Rahmen von IHK-Lehrgängen und ­Ausbildungen erworben wurden, werden anhand eines Punktesystems direkt übertragen. So kann sich etwa ein Industriefachwirt beispielsweise das komplette Modul «Produktion» des BA-Studiums anrechnen lassen. Das spart Zeit und verhindert teure Doppelausbildungen.

Damit es trotz der Aufweichung der Zugangsbarrieren weiter zu aussagekräftigen Abschlüssen kommt, hat Wolfgang Müskens von der Uni Oldenburg das Konzept für die IHK zur Qualitätssicherung entwickelt. «So müssen die Bewerber die Fähigkeiten, die sie auf das Studium anrechnen lassen wollen, mit Unterlagen aufwendig belegen», sagt er. Daneben überprüfe die Uni, ob die Kenntnisse den Studienmodulen gleichwertig sind.

Im Ausland pflegt man den liberalen Umgang mit der Anrechnung von Berufserfahrung schon seit vielen Jahren. Dort kann es nach den Worten von Hanft sein, dass jemand, der niemals einen Hörsaal von innen gesehen hat, einen Universitätsabschluss vorweisen kann. Bis solche Möglichkeiten auch an den deutschen Hochschulen angeboten werden, wird jedoch wohl noch einige Zeit vergehen.