Keine Zeit zum Jobben – Bachelor-Studium lässt wenig Luft

Frankfurt/Main (dpa) – Die Studentin Sonja Röhm hat keine Zeit zum Jobben. 22 Pflichtwochenstunden stehen in ihrem Bachelor-Studiengang Social Science – einem Mix aus Sozialwissenschaften und Politologie – auf dem Stundenplan für das dritte Semester.

Dazu kommen Hausaufgaben und Vorbereitungen für Seminare und Vorlesungen, Übungs- und Semesterabschlussklausuren sowie Referate in sechs Proseminaren. Damit ist die Gießener Studentin nach Ansicht von Fachleuten bei weitem kein Einzelfall. Die Umstellung der Studienabschlüsse von Diplom und Magister auf Bachelor und Master lässt den Studenten weniger Zeit, Geld zu verdienen.

Da gleichzeitig eine wachsende Zahl von Bundesländern Studiengebühren einführt, wird die Finanzierung des Studiums für viele ein Problem. Der Großteil der angehenden Akademiker in Deutschland lebe mit einem Zeitkonflikt zwischen Studium und Erwerbsarbeit, heißt es beim Deutschen Studentenwerk. Die höheren Präsenzzeiten bei den Bachelor-Studiengängen verschärften diesen Konflikt.

Eine repräsentative Studie dazu gibt es allerdings bislang weder beim Studentenwerk noch bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Bei der letzten Sozialerhebung des Studentenwerks 2006 seien erst elf Prozent in einem Bachelor-Studiengang eingeschrieben gewesen. «Für Lehrveranstaltungen und Selbststudium bringen sie (die Studenten) wöchentlich insgesamt etwa 34 Stunden auf», heißt es in der Erhebung. Der Bachelor lag dabei etwa im Mittelfeld.

Der Präsident der Frankfurter Fachhochschule, Wolf Rieck, sagt zu den neuen Studiengängen: «Von 52 Wochen sind 46 für das Lernen eingeplant.» An den Universitäten sieht das ähnlich aus: 1800 Stunden seien im Jahr für Pflichtveranstaltungen, Prüfungsvorbereitungen und Lernaufwand eines Bachelor-Studienfachs festgeschrieben, heißt es an der Gießener Universität. Das entspricht bei einer 40-Stundenwoche 45 Wochen im Jahr. Studenten, die für bestimmte Fächer noch Sprach- oder Mathekenntnisse nachholen müssten, hätten noch mehr zu tun.

Die Stundenpläne selbst machten es zusätzlich schwer, eine Arbeitsgelegenheit zu finden, sagt die Studentin Sonja Röhm. «Es gibt auch mal einen Tag, an dem man nur zwei Doppelstunden hat, aber dann liegt eine am Vormittag und eine am Nachmittag und man kann weder dazwischen noch danach einen Job machen», berichtet die junge Frau, die bei ihrer Mutter wohnt und von BAföG lebt. «Ich versuche während der Semesterferien ein bisschen zu jobben.» Als Beispiel nennt sie «ab und zu mal einen Tag Inventur».

«Das Bild des Studenten, der im Frühjahr und im Sommer je zwei Monate jobbt und dann noch zwei Monate frei hat, ändert sich», sagt der Präsident der Gießener Universität, Prof. Stefan Hormuth, der auch Sprecher der Hessischen Universitätspräsidenten ist. Viele Prüfungen würden mittlerweile in den Zeiten abgenommen, «die früher Semesterferien hießen». Dennoch hält er es für verfrüht zu sagen, die neue Struktur der Studiengänge erschwere das Jobben. In den USA beispielsweise sei das Studium schon lange so organisiert und die Studenten jobbten dennoch nebenher.

Die Studiengebühren werden nach Hormuths Einschätzung zur Einrichtung vieler neuer studentenfreundlicher Arbeitsplätze an den Universitäten führen, so etwa in Tutorien. Viele Arbeitgeber seien zudem auf studentische Kräfte angewiesen und würden sich sicherlich auf deren veränderte Bedürfnisse einstellen. «Das hängt natürlich auch immer von der Konjunktur ab.»

Bei der Hochschulrektorenkonferenz ist das Thema angekommen: Sie befasst sich unter anderem mit Konzepten für bessere Teilzeitstudiengänge. Diese seien gerade angesichts einer immer heterogeneren Studentenschaft dringend notwendig, heißt es. Vor allem die Master-Studenten seien sehr unterschiedlich: Manche schließen diesen direkt an das Bachelor-Studium an und sind gerade 23 Jahre alt, andere haben schon sechs bis zehn Jahre Berufserfahrung hinter sich. Einige ziehen Kinder groß, andere haben einen Teilzeitjob oder pflegen ältere Angehörige.

Nach Ansicht von Röhm geht das Korsett des Bachelor-Studiums auf Kosten der individuellen Ausprägungen der Absolventen. «Das freie individuelle Lernen bleibt auf der Strecke.» Die Arbeitgeber könnten damit nur noch nach Noten unterscheiden.