Physik mit Spaß – Im Schülerlabor immer möglich

Geesthacht/Stade (dpa) – Michael Buchsteiner ist ein erfahrener Profi, wenn es darum geht, das Eis zu brechen. Ein paar flotte Sprüche, ein paar kleine Anspielungen, schon tauen die Mädchen und Jungs aus der 12. Klasse eines Stader Gymnasiums auf.

«Genau hier, wo Sie sitzen, hat Alfred Nobel 1867 das Dynamit erfunden. Das zu wissen, kann nicht schaden, sollte einer von Ihnen einmal den Nobelpreis in Stockholm entgegennehmen.» Gemeinsam mit seiner Kollegin Sabine Mendach begrüßt der gelernte Mathe- und Physiklehrer an diesem Morgen den 20 000sten Schüler in den gut ausgestatteten Experimentierräumen der Geesthachter Forschungseinrichtung GKSS.

Wer aber genau ist der Jubiläumsteilnehmer aus 988 Klassen, denen Buchsteiner in sechseinhalb Jahren je einen Tag lang im Schülerlabor «Quantensprung» die Geheimnisse des Wasserstoffs und der Brennstoffzelle näher gebracht hat? «Einer von Ihnen ist es. Aber weil ich nicht am Eingang abgezählt habe, soll es jeder von Ihnen sein. Jeder bekommt ein T-Shirt mit der 20 000 drauf.» Spätestens jetzt hat Buchsteiner die jungen Leute auf seiner Seite.

Für die ersten Versuche übernimmt die promovierte Chemikerin Mendach und lässt die Schüler den Elektrolyseversuch zur Erzeugung von Wasserstoff und Sauerstoff aufbauen. «Was fällt Ihnen auf?», fragt die Lehrerin behutsam immer wieder und bringt die jungen Forscher, die alle Chemie als Schwerpunktfach gewählt haben, mit Geduld auf den richtigen Weg. Dann kommen Laptops zur Auswertung der Versuche ins Spiel – ein Luxus, den die meisten Schüler im Unterricht nicht kennen. «Solche Experimente machen Spaß», sagt die 18-jährige Elisabeth Stelling. Buchsteiners nette Sprüche finden sie und ihre Freundinnen lustig. Genau richtig, um die trockene Wissenschaft aufzulockern.

Buchsteiner schätzt die Möglichkeiten im Schülerlabor der GKSS, einer Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, die sich unter anderem mit Materialforschung beschäftigt. Dafür, dass naturwissenschaftlicher Unterricht an deutschen Schulen oft nicht gut sei, könnten weder Lehrer noch Schüler etwas. «Die Naturwissenschaften werden sträflich vernachlässigt», kritisiert er und meint damit in erster Linie die Politik. «Humanistische Bildung ist gut und wichtig, aber ein bisschen Technikkenntnisse sind auch gut», meint der 45-Jährige. Also versucht er ein klein wenig von dem aufzuholen, was in den Schulen manchmal versäumt wird, nämlich Interesse und Spaß an Chemie, Physik und auch Mathematik zu wecken. Und das auch im Interesse der GKSS, die ausgezeichneten wissenschaftlichen Nachwuchs braucht.

Tagesziel für die Jungs und Mädchen aus Stade ist, die Funktion der Brennstoffzelle zu verstehen. Wasserstoff und Brennstoffzellen zur Stromerzeugung sind nach Einschätzung vieler Experten zwei der wichtigsten Bausteine für die künftige umweltfreundliche Energieversorgung.

Lehrer Christoph Rabbow genießt den Tag sichtlich. Er streift, wie alle anderen auch, einen weißen Laborkittel über und setzt sich zwischen seine Schüler. Um die Show, die Motivation, den Unterricht muss er sich heute nicht kümmern. «Wir haben einen Mangel an Lehrern für Naturwissenschaften», sagt er. «Deswegen sind Schülerlabore wie dieses so wichtig.» Rabbow bildet selbst Lehrer am Studienseminar in Stade aus. Und er ist nicht erst nach diesem Besuch bei der GKSS entschlossen: «Wir wollen versuchen, ein Labor nach Stade zu holen.» Dabei brauchen Buchsteiner und Mendach keine Konkurrenz zu fürchten. Ihr Terminkalender ist meist schon auf Jahresfrist voll.