Professoren sollen wieder besser lehren

Berlin (dpa) – Es gab einmal eine Zeit, da trommelten Studenten begeistert auf ihre Pulte, wenn der Professor mal wieder eine geniale Vorlesung gehalten hatte. Doch das ist schon lange her.

Überfüllte Seminare, zu wenig Laborplätze, mangelnde Betreuung und fehlende Bücher bestimmen heute meist den Studienalltag. Und oft kommt noch ein Professor hinzu, der vor allem an karrierefördernden Forschungsarbeiten interessiert ist – und weniger an zeitaufwendiger Studentenbetreuung. Doch nach dem Willen des Wissenschaftsrats sollen deutsche Professoren jetzt wieder «gute Lehre lernen».

Selten zuvor hat der Wissenschaftsrat ein Papier so ausgiebig diskutiert und abgewogen, wie die am Montag (7.7.) in Berlin vorgestellten «Empfehlungen zur Qualität von Lehre und Studium». Dreimal wurde die Verabschiedung vertagt. Dabei bewegt sich der Wissenschaftsrat auf standespolitisch vermintem Feld. Manchem Interessenvertreter wäre es viel lieber gewesen, der Wissenschaftsrat hätte sich allein auf Forderungen nach mehr Geld, Personal und Sachmittel beschränkt. Doch das Expertengremium nimmt mit seinem Papier Politik wie Professoren gleichermaßen in die Pflicht. «Wir fordern nicht nur mehr Geld und Stellen, wir wollen einen grundlegenden Wandel», sagt sein Vorsitzender, der Münchener Germanist Peter Strohschneider.

Mit seinen Empfehlungen will der Wissenschaftsrat vor allem einen Mentalitätswechsel unter den Professoren einleiten, Forschung und Lehre als etwas Gleichwertiges zu sehen. Bisher führt erfolgreiche Forschung an den Hochschulen «zu neuen Geldern, Mitarbeitern und besserer Ausstattung». Größeres Engagement in der Lehre zieht hingegen meist eine höherer Arbeitslast durch mehr Studierende und mehr Prüfungen nach sich, heißt es kritisch in dem Papier. Der Berliner Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD), der seit über einem Jahr für einen «Nationalen Lehrpreis» wirbt, verweist dabei auf die Situation, dass viele Professoren zwar gern von ihrer «Forschungsfreiheit» sprechen – dagegen über ihre «Lehrverpflichtung» klagen.

«Gute Lehre kann man lernen», sagt Strohschneider. Er will seine Kollegen motivieren, «professionelle Aus- und Fortbildungen» zu besuchen. Doch diese müssen erst noch organisiert werden. Die Hochschuldidaktik – die Wissenschaft von der Kunst des Lehrens – liegt in Deutschland im Argen. Zentren, die in den 70er Jahren an verschiedenen Hochschulen eingerichtet wurden, suchten sich völlig andere Themen oder entdeckten die Frauenforschung. Angebotene Fortbildungen wurden vor allem von Naturwissenschaftlern und der Mathematiker-Zunft milde belächelt, «weil dass, was doch logisch ist, eigentlich keiner Erklärkunst bedarf».

Doch vor allem in Zeiten der neuen komprimierten Bachelor-Studiengänge, die deutlich schneller zum ersten Abschluss führen sollen, kommt einer guten Studienorganisation und auch einer verständlichen Lehre ein ganz anderer Stellenwert zu. Die Experten verweisen zudem auf den großen volkswirtschaftlichen Schaden, wenn in den Ingenieur- und Naturwissenschaften eine «Schwundbilanz» von Fachwechslern und Abbrechern zwischen 37 und 39 Prozent verzeichnet wird – und dies, obwohl derzeit händeringend Absolventen aus diesen Disziplinen gesucht werden.

Doch der Wissenschaftsrat fordert auch die Länder heraus: Für «mehr Qualität in Lehre und Studium» sollen sie 1,104 Milliarden Euro mehr pro Jahr an die Hochschulen zahlen – und zwar für zusätzliche Professorenstellen, Tutorien, mehr Studienberatung, Bücher und Computer. Mit 1,953 Millionen Studenten sind heute an den Hochschulen dreimal so viel junge Menschen eingeschrieben wie Anfang der 70er Jahre. Die Zahl der Professoren stieg hingegen im selben Zeitraum nur um das 1,8-fache.

«Auf breiteste Zustimmung» seien die Empfehlungen bei den Mitgliedern des Wissenschaftsrats gestoßen, rühmt Strohschneider das 112-Seiten-Papier. Dem Expertengremium mit seinem Zwei-Kammer-System gehören neben vom Bundespräsidenten berufenen Wissenschaftlern auch Bildungsminister von Bund und Ländern an. Und ein Vertreter der Finanzministerkonferenz sitzt auch immer mit dabei.