Bielefeld (dpa) – Was ist ein Essay? Wie schaffe ich den Schritt vom Lesen zum Schreiben? Wie schreibe ich meine Abschlussarbeit strukturiert und effizient? Solchen und ähnlichen Fragen sehen sich jedes Semester tausende von Studierenden ausgesetzt.
Nicht wenige verzweifeln an ihnen. An der Universität Bielefeld gibt es seit 15 Jahren eine Anlaufstelle für derartige Schwierigkeiten: Das Schreiblabor unterstützt Studierende mit Beratung und Workshops bei ihren Schreibprojekten.
«Schreiben ist Denken, nicht einfach nur Aufschreiben», sagt Andrea Frank, Gründerin des Schreiblabors. Die Studenten müssten zunächst lernen, was Schreiben eigentlich sei: Ein Prozess, kein letzter Schritt. In Deutschland gebe es zu wenig Material zum Thema Schreiben. «Es fehlt die Tradition, über das Schreiben zu sprechen, auch unter den Lehrenden», sagt Stefanie Haacke, Mitarbeiterin des Schreiblabors. Nur eine Handvoll von Unis biete Unterstützung beim Schreiben, obwohl Schreiben eine wichtige Schlüsselqualifikation nicht nur für das Studium sei.
Gabriela Ruhmann hat vor zehn Jahren das Konzept der Schreibberatung von der Uni Bielefeld an die Ruhr-Universität Bochum gebracht. «Wir wollen die Schreibberatung aus der pathologischen Ecke rausholen und in den regulären Lehrveranstaltungen unterbringen», sagt sie. Das Schreibzentrum in Bochum nehme sich insbesondere der Naturwissenschaftler und Techniker an. Den Schreibanforderungen der unterschiedlichen Studiengänge komme man mit speziell zugeschnittenen Angeboten entgegen.
Unterschiede zwischen den Disziplinen sieht Ruhmann nicht nur in der Art der Texte: «Die Naturwissenschaftler und Techniker haben klarere Arbeitsaufträge und gehen sehr viel pragmatischer an das Schreiben heran als die Geisteswissenschaftler», erklärt sie. Veranstaltungen auf Englisch wie «Getting Published in Science» sollen Forschern das Schreiben für internationale Fachzeitschriften erleichtern.
Sowohl in Bielefeld als auch in Bochum sind die Bachelor- und Masterstudiengänge seit einigen Jahren angelaufen und haben die Schreibanforderungen verändert. «Das größte Problem der jungen Bachelor-Studenten ist die Zeitnot», sagt Frank. Die Studierenden hätten früher viel mehr Zeit gehabt, sich einem Thema ausführlich zu widmen. «Dabei bestand dann eher die Gefahr des sich Verzettelns und nicht zum Ende findens», sagt sie. Heute müssten die Studenten sich mit vielen verschiedenen Prüfungs- und Textsorten auseinandersetzen und oftmals das Schreiben nebenbei erledigen.
In der Beratung werden grundsätzliche Fragen wie Aufgabenstellung, Themeneingrenzung und Zeitmanagement geklärt. Die Workshops bieten Hilfestellungen, um das Gedachte zu Papier zu bringen und den wissenschaftlichen Kontext zu berücksichtigen. Die Schreibzentren bemühen sich auch um Zusammenarbeit mit den Lehrenden. Studenten hilfreiche Rückmeldungen zu geben ist eine Aufgabe, die Lehrende erfüllen müssen. Das andere ist die Formulierung von klaren Aufgaben und Prüfungsanforderungen, wie zum Beispiel die Antwort auf die Frage: Was ist ein Essay?
Für Mareike Gronich, inzwischen Studentin des Masterstudiengangs der Literaturwissenschaften, war das Schreiblabor die Rettung für ihre Bachelorarbeit: «Ich habe selber nicht mehr verstanden, was ich da geschrieben hatte», sagt sie. Im Schreiblabor habe man ihr geraten, ihre Arbeit abschnittsweise zu überarbeiten und zusammenzufügen und nichts Neues mehr zu schreiben. «Das klingt so simpel und ist es ja auch, aber in dem Moment war die Sicht von außen einfach enorm hilfreich», sagt die 32-Jährige.
Am schwersten falle es Studierenden, sich von einmal Geschriebenem wieder zu trennen und fertige Texteilen zu streichen oder umzuschreiben. «Dabei kann man sich fast darauf verlassen, dass man durch das Schreiben neue Gedanken bekommt», sagt Frank. Ein Ziel des Schreiblabors sei es, mit der Mystifizierung des Schreibens aufzuräumen: «Die Krankheit Schreibblockade gibt es nicht», betont Haacke. «Schreiben ist ein Handwerk, wenn auch ein schwieriges, man muss wissen, was man tut, damit man erfolgreich ist.»