Suzuki: «Talent ist kein Zufall der Geburt»

Köln (dpa) – Wer die Augen schließt und Lucia Gatzweiler beim Geigenspiel zuhört, vergisst schnell, dass sie gerade einmal zehn Jahre alt ist. Mal sanft, mal dynamisch und immer mit viel Gefühl.

So entlockt die junge Kölnerin den Saiten ihrer Kindergeige Kompositionen von Bach, Vivaldi, Paganini und Sibelius – und zwar ohne Notenheft. Doch Lucia ist kein Wunderkind. Ihr musikalisches Können verdankt sie vor allem der sogenannten Suzuki-Methode. Denn für den japanischen Geiger und Pädagogen Suzuki Shinichi (1889-1998) stand eines immer fest: «Talent ist kein Zufall der Geburt».

«Nachdem ich einmal wusste wo &A& ist, wusste ich auch, wo alle anderen Töne sind», erklärt Lucia ihre unverkrampft und spielerisch anmutende Art des Musizierens. «Die meisten Stücke, die ich spiele, kenne ich auswendig.» Was so einfach klingt, ist das Ergebnis eines langen und disziplinierten Lernprozesses. Denn getreu dem Motto «von nichts kommt nichts» müssen sich auch die Suzuki-Schüler ihr Können mit viel Fleiß und geduldigem Proben erarbeiten.

Dennoch unterscheidet sich die Methode deutlich von herkömmlichen Formen des Musikunterrichtes. «Die &Suzuki-Methode& geht davon aus, dass jeder Mensch, egal ob alt oder jung, ein Instrument genauso erlernen kann, wie ein Kind seine Muttersprache», beschreibt Musiklehrerin Michaela Zirnbauer das Konzept. «Die Instrumentalausbildung ist aufgebaut auf dem Prinzip der Nachahmung von zuvor auf CD vorgespielten Stücken im Einzel- und Gruppenunterricht. Auf diese Weise verbessern die Musikschüler sehr schnell ihre Technik und bekommen zugleich ein Gefühl für die Musik.»

Vor und nach jeder Übungseinheit verbeugen sich die Schüler voreinander – auch dies geht auf den Namensgeber Suzuki Shinichi zurück. Der Musiker und Lehrer hatte sich als Autodidakt im Alter von 17 Jahren das Geigenspiel durch die Nachahmung von Schallplattenaufnahmen selbst beigebracht. Seine eigenen Erfahrungen und seine Beobachtungen bei Kindern brachten ihn zu der Überzeugung, dass Talent erlernbar ist. So wie jedes Kind die eigene Sprache durch bloßes Zuhören und «sich-daran-erinnern» erlernt, kann es auch die Fähigkeiten an einem Instrument erwerben.

Trotz positiver Lernerfolge stehen traditionelle Musikschulen in Deutschland der «Suzuki-Methode» vielfach ablehnend gegenüber. «Im Gegensatz zu den USA hat die Methode hier in Deutschland leider noch nicht den Stellenwert, den sie verdient», bedauert Michaela Zirnbauer. «Die Schüler werden belächelt und ihnen wird vorgeworfen, musikalische Analphabeten zu sein, die noch nicht einmal Noten lesen können. Aber das ist falsch, denn sobald die Kinder das Lesealter erreicht haben, intensivieren wir im Unterricht auch das Notenlesen.»

Genau wie Suzuki seinerzeit gehe es auch den heutigen Suzuki-Lehrern nicht darum, «Virtuosen am Musikinstrument» heranzuzüchten. «Mein Ziel ist es, dass die Kinder irgendwann das Können haben, um im Jugendsymphonieorchester oder bei Musikwettbewerben wie &Jugend musiziert& mitzuspielen», sagt Zirnbauer. Bei Lucia Gatzweiler ist dieses Ziel bereits erreicht: Sie landete jüngst beim 45. Landeswettbewerb von «Jugend musiziert» gemeinsam mit zwei anderen Suzuki-Schülern, der neunjährigen Mena (Geige) und dem elfjährigen Michael (Bratsche), in der Kategorie «gemischte Streicher-Ensemble» auf dem ersten Platz.