Tausende Deutsche studieren in Maastricht

Maastricht (dpa) – Kleine Seminare, persönliche Betreuung, moderne Hörsäle – an der Universität Maastricht finden auch deutsche Studenten ideale Bedingungen. Immer mehr wagen daher den Schritt über die niederländische Grenze.

Michael Jäger (25) war mal an der Uni Münster eingeschrieben, aber schon nach zwei Monaten so gefrustet, dass er sich nur noch aufs Partyleben konzentrierte. «Ich saß da in einem Seminar mit 150 Leuten und kannte niemanden. Außerdem war alles unheimlich bürokratisch organisiert.» Inzwischen studiert er mit großer Begeisterung in der niederländischen Stadt Maastricht – so wie 3200 andere Deutsche. «Hier musste ich nur zum Einschreibbüro gehen, einen Kaffee trinken und dabei ein Formular ausfüllen – das war alles», erzählt er.

Genauso erging es Wiete Eichhorn (23) aus Hennef und Julia Langenohl (20) aus Wuppertal. «Ich dachte am Anfang immer: &Wo ist hier der Haken?& – Aber da war keiner», sagt Wiete. Sie hatte zunächst in Bonn studiert und fühlte sich dort völlig verloren: «Ich hab wirklich geheult, so schlimm war das.» Wenn sie etwas fragte, bekam sie unfreundliche Antworten. «Das ist mir hier noch nie passiert», sagt die lebhafte junge Frau, die kurz vor dem Abschluss in «European Studies» steht.

Von Besuchern aus Deutschland kommt immer dieselbe Reaktion: «Das ist doch eine Privat-Uni!» Viele Fakultäten sind in ehemaligen Klöstern und Kirchen untergebracht, aber innen sieht alles hypermodern und pieksauber aus, die Arbeitsräume sind mit Laptops und Beamern ausgestattet, «und alles funktioniert – immer», wie Michael betont. Doch es ist keine Privat-Uni – die Studiengebühren sind niedriger als im benachbarten Nordrhein-Westfalen. Dazu kommen garantierte Auslandsaufenthalte und Seminare mit höchstens 15 Teilnehmern.

Dabei steht kein Professor vorn und doziert, die Studenten lernen «problemorientiert»: Das heißt, dass der Professor ihnen ein bestimmtes Problem, eine Aufgabe, eine Frage vorgibt und die Bearbeitung von der Gruppe gemeinsam vorgenommen wird. Das ist in allen Fächern so, ob in Medizin oder in International Business.

«So behält man die Sachen viel besser, weil man die Fachliteratur unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt durchforstet, immer auf der Suche nach Antworten», sagt Wiete. Gedankenaustausch und Zusammenarbeit mit Studenten aus einer Vielzahl von Ländern und Kulturen sind dabei ein Muss. «Manchmal sitzen wir hier mit neun Leuten aus acht Ländern am Tisch», sagt Michael. Das alles läuft auf Englisch – Niederländisch muss man nicht lernen.

Uni-Chef Jo Ritzen, der in den 90er Jahren als Bildungsminister unter Regierungschef Wim Kok tiefgreifende Hochschulreformen durchgesetzt hat, berichtet, dass Konzerne Schlange stehen, um die Studenten aus Maastricht zu übernehmen. «Die sagen: &Was ihr hier gemacht habt, diese problemorientierte Gruppenarbeit der unterschiedlichsten Menschen, das ist genau das, was wir bei uns auch machen.&»

In Ritzens Büro hängt ein Foto, das ihn zusammen mit Ex-Kanzler Helmut Kohl zeigt, als dieser vor vier Jahren einen Gastvortrag hielt. Der in der Nachbarstadt Heerlen bei Aachen geborene Ritzen kennt Deutschland gut. Er glaubt nicht, dass sich das Maastrichter System übertragen lässt: «Stellen Sie sich mal vor, man ginge dort hin und würde den Professoren sagen: &Sie halten jetzt keine Vorlesungen mehr, Sie arbeiten künftig nur noch ganz direkt mit den Studenten zusammen.& Das würden die kaum machen.»

Nach der Abiturnote fragt in Maastricht übrigens keiner. In vielen Fächern kann man sich einfach so einschreiben, in anderen muss man eine Art Bewerbungsgespräch führen. «Aber im ersten Jahr wird dann gesiebt», sagt Julia. «Die Prüfungen sind sehr schwer – das ist survival of the fittest.» Der Sozialdemokrat Ritzen will Maastricht nicht als Elite-Uni bezeichnen – «denn da denkt man an ein bestimmtes Elternhaus oder an Geld» – aber durchaus als eine «Uni der Ehrgeizigen»: «Ich sage das vor allem den niederländischen Studenten: Wenn ihr es gerne ein bisschen gemütlich habt, dann geht woandershin. Das hier ist nur etwas für Leute, die später Unternehmen und Gesellschaft wesentlich mitgestalten wollen.»

Und die deutschen Studenten, was sagt er denen? Ritzen schmunzelt. «Die gehören beim Abitur sowieso schon zu den besten 20 Prozent. Wir freuen uns über jeden deutschen Studenten.» Mittlerweile ist jeder vierte Student Deutscher, Tendenz steigend. Aber gibt es denn nicht auch irgendwas, das an den deutschen Unis besser ist? Michael überlegt kurz. «Doch», sagt er, «das Partyleben war in Münster besser.»