Thüringen: Kostenloses Studium als Standortvorteil

Erfurt (dpa) – Der Verzicht auf Studiengebühren und die niedrigen Lebenshaltungskosten sind für den neuen Erfurter Hochschulpräsidenten Kai Brodersen entscheidende Standortvorteile für die Thüringer Universitäten.

«Damit können Studenten aus dem Westen angezogen werden», sagte er. Als weiteren Anreiz nannte er übersichtliche Strukturen, die das Studium erleichtern. Die Thüringer Hochschulen sind in den kommenden Jahren aufgrund der Bevölkerungsentwicklung auf den Zulauf von Studenten aus anderen Bundesländern angewiesen. An der Uni Erfurt studieren zurzeit 4500 Studenten.

Das Argument, mit den Einnahmen der Studiengebühren werde die Lehre verbessert, sei bislang nicht belegt worden. Häufig dienten sie nur dazu, die steigenden Kosten der Hochschulen auszugleichen. Nicht selten würden die staatlichen Zuschüsse mit Einführung von Gebühren gekürzt. Der in Thüringen ausgehandelte Hochschulpakt biete keine üppige, aber eine sichere Finanzierungsgrundlage. «Ich schätze es, wenn die Regeln klar sind», sagte Brodersen. «Wir werden uns die Vorgaben des Paktes genau ansehen und sie intelligent nutzen.»

Ein Vorteil der Erfurter Universität im Konkurrenzkampf mit anderen Hochschulen nennt Brodersen das klare Profil mit dem geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt. «Das erspart uns den schmerzhaften Prozess, den andere Universitäten zurzeit auf der Suche nach Spezialisierung durchlaufen.» Das Erfurter Angebot in den Geisteswissenschaften sei bundesweit herausragend. «Wo finden sich schon zehn Historiker aus allen Epochen und Regionen. Erfurt ist in dieser Hinsicht eine wahre Orchideenwiese.»

Diese Grundstruktur will Brodersen erhalten. Er plane vorerst keine neuen Fachbereiche, auch keine medizinische Fakultät, die immer wieder gefordert werde. «Das ist nicht denkbar.» Für den Fall veränderter Studentenzahlen werde er klare Regeln innerhalb der Universität aufstellen. «Jeder muss wissen, was passiert, wenn die Zahlen steigen oder schrumpfen.»

Grundsätzlich habe jeder Fachbereich die Entwicklung selbst in der Hand – vor allem mit der Einwerbung von Drittmitteln. Als gelungenes Beispiel nannte Brodersen die Forschergruppe am Max-Weber-Kolleg, die für ihr Thema «Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive» von der Deutschen Forschungsgemeinschaft drei Millionen Euro erhalte.