Berlin (dpa) – Viel Arbeit für wenig Geld: Tausende Uni-Absolventen finden nach ihrem Studium keine feste Stelle, sondern müssen sich lange Zeit als schlecht bezahlte Praktikanten durchschlagen.
«Auch wenn das in den Medien nicht mehr so präsent ist, so ist es weiterhin ein großes Problem in Deutschland und trifft jährlich tausende hochqualifizierte Hochschulabsolventen», berichtet die Vorstandsvorsitzende der Initiative Fairwork, Bettina König, in Berlin. Das beobachten auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und das «Junge Karriere»-Projekt «Fair Company».
Bei ihnen melden sich regelmäßig junge Männer und Frauen, die von unbezahlten und unzähligen Überstunden, fehlendem Urlaubsanspruch und Ausnutzung als billige Vollzeitkräfte berichten. Das Bundesarbeitsministerium will zu diesem Thema noch im März eine neue Studie vorstellen. Zudem läuft eine europaweite Petition, um die schlechten Arbeitsbedingungen von Praktikanten im Europäischen Parlament in Brüssel zu thematisieren.
Einer der Langzeitpraktikanten ist Fabian Lehmann (Name geändert). Der heute 30-Jährige studierte in der Regelstudienzeit Politikwissenschaften, absolvierte währenddessen zwei Praktika und schloss sein Studium schließlich mit der Note 1,3 ab. Genützt hat ihm das aber erst einmal nicht viel.
Stattdessen bekam er auf alle seine Bewerbungen nur Absagen, so dass er sich irgendwann um Praktikumsplätze bemühte. «Das hat dann geklappt und ich habe nacheinander für jeweils mehrere Monate vier Praktika in verschiedenen Pressestellen gemacht», berichtet er. «Immer in der Hoffnung, am Ende übernommen zu werden.» Stattdessen wurde er jedes Mal für einen geringen Lohn von maximal 400 Euro als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt.
Das Problem der «Generation Praktikum» hat der DGB als einer der ersten erkannt und dazu vor gut einem Jahr zusammen mit der Freien Universität (FU) Berlin eine Studie veröffentlicht. Demnach machten 37 Prozent der befragten Akademiker der FU und der Universität Köln nach ihrem Abschluss ein mehrmonatiges Praktikum. Die Hälfte der untersuchten Vollzeit-Praktika war unbezahlt, für die anderen gab es im Schnitt 600 Euro im Monat.
Bei einem Praktikum allein blieb es allerdings oft nicht. Stattdessen machten elf Prozent der Befragten nach dem ersten noch ein zweites, im Schnitt sechs Monate lang. Die Forscher stellten fest: Praktika nach dem Studium sind in Deutschland längst zu einer Form der Übergangsarbeitslosigkeit geworden, zweifelhafte Karrieren mit mehreren Praktika nacheinander keine Seltenheit mehr.
Ganz so einfach war die Situation der Hochschulabsolventen dann aber doch nicht zu erfassen. Zum einen war die DGB-Studie nicht repräsentativ, zum anderen erschien wenige Wochen später im Auftrag des Bundesbildungsministeriums eine Studie der HIS Hochschulinformations-System GmbH, die wiederum kein Massenphänomen «Generation Praktikum» feststellte. Allerdings registrierte sie Branchen wie die Medien sowie den Kunst- und Kulturbetrieb, in denen auffällig viele Praktikanten eingesetzt werden. Klarheit soll nun die Studie des Bundesarbeitsministeriums schaffen.
«Die Gesamtsituation hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gebessert», berichtet die «Junge Karriere»-Redakteurin und Koordinatorin des Projekts «Fair Company», Dorothee Fricke. «Allerdings besteht das Problem nach wie vor, gerade in Branchen, in denen die Nachfrage an Stellen größer als das Angebot ist.»
So hätten vor zwei Jahren zwar auch Absolventen der IT-Branche und der Wirtschaftswissenschaften Praktika absolvieren müssen, doch mittlerweile gebe es in diesen Bereichen kaum noch Probleme. Aber: «In den klassischen Bereichen für Geistes- und Sozialwissenschafter wie etwa PR-Agenturen, werden Absolventen noch oft nach Motto &Wenn nicht der eine das Praktikum macht, dann macht es eben ein anderer& unter Druck gesetzt.»
Daher hangeln sich weiterhin Uni-Absolventen von einem Praktikum zum nächsten, arbeiten dabei sogar selbstständig, vertreten ihr Unternehmen bei Kunden und haben in einigen Fällen sogar ein kleines Team unter sich. «Ich habe zuerst gedacht, es liegt an mir, dass ich nur Praktika bekomme», berichtet Fabian. «Das war sehr frustrierend, auch weil mich meine Eltern die ganze Zeit weiter finanziell unterstützen mussten.»
Die Selbstzweifel ließen ihn nachts schlecht schlafen, er fragte sich: «Wird das je enden?» Es endete tatsächlich. Nach insgesamt 13 Monaten als Praktikant bekam Fabian endlich die lang ersehnte Stelle bei einer Presseagentur in Hamburg – über eines seiner Praktika. Einer seiner früheren Chefs hatte ihn in guter Erinnerung behalten und Monate später angeworben.