Erfurt/Gera (dpa) – Alle vier Stunden bebt die Erde tief unter dem Thüringer Wald. Das wird in den nächsten Jahren so weitergehen. 41 der insgesamt 107 Kilometer der neuen ICE-Strecke zwischen Ebensfeld in Bayern und Erfurt verlaufen unterirdisch.
Viel Arbeit für Tunnelbauer, die sich Meter für Meter durch Berge sprengen und bohren. Doch die Branche hat ein Nachwuchsproblem. «Wir bräuchten dringend mehr Leute», sagt Jürgen Schmidt, Verantwortlicher im Bereich Tunnelbau der Schachtbau Nordhausen GmbH. Sie gehört zum kleinen Kreis der Spezialfirmen. «Insgesamt gibt es in Deutschland nur etwa zwölf Bauunternehmen, die das Know how für den Tunnelbau haben. Angesichts der Auftragslage wird es in den nächsten Jahren auf jeden Fall zu Kapazitätsengpässen kommen», sagt Boris Engelhardt vom Hauptverband der deutschen Bauindustrie in Berlin.
Arbeit gibt es allein in Thüringen genug. Drei Tunnel auf der ICE-Neubaustrecke sind im Bau, weitere starten voraussichtlich noch in diesem Jahr. Neben den Bahntunneln stehen Projekte im Straßenbau an. Nach einer Statistik der Studiengesellschaft für unterirdische Verkehrsanlagen (STUVA) sind deutschlandweit in den kommenden Jahren mehr als 200 Verkehrstunnelprojekte mit einer Gesamtlänge von knapp 450 Kilometern geplant.
Beim Tunnelbau können Unternehmen nicht mehr so oft wie in der Vergangenheit auf ausländische Fachkräfte setzen: «Früher wurden viele Tunnelbauer aus Osteuropa geholt. Inzwischen sind sie aber nicht mehr so einfach zu bekommen, dadurch werden verstärkt Deutsche gebraucht», sagt Engelhardt. Viele dieser Fachleute werden aus Thüringen kommen, denn in Gera gibt es deutschlandweit die einzige Ausbildungsstelle für Tunnelbauer.
In den vergangenen zehn Jahren haben mehr als 300 Teilnehmer die Fortbildung beim Bildungswerk BAU Hessen-Thüringen absolviert. 1998 wurde sie mit Unterstützung des Thüringer Wirtschaftsministeriums ins Leben gerufen – angesichts großer Projekte wie dem Pumpspeicherwerk Goldisthal und der Thüringer Wald Autobahn A71 mit dem Rennsteig-Tunnel, Deutschlands längstem Autobahntunnel. Das Weiterbildungsangebot war auch eine Reaktion auf Thüringens Potenzial durch die lange Bergbautradition. Stillgelegte Kali-Gruben und die Einstellung des Uranbergbaus zwangen viele gelernte Bergleute zur Neuorientierung. «Tunnel- und Bergbau sind von der Technologie sehr ähnlich – da bot sich diese Idee an», sagt Volker Krautheim, Ausbildungsleiter in Gera.
Zweimal im Jahr bildet Krautheim seitdem jeweils etwa 20 gelernte Bau- oder Bergarbeiter in sechsmonatigen Kursen zum Tunnelbauer weiter. Doch auch er kennt das Nachwuchsproblem: «Uns fehlen geeignete Leute, deswegen suchen wir händeringend deutschlandweit nach Bewerbern.» Geeignet, das heißt: «Bereit sein für schwere körperliche Arbeit und harten Schichtdienst auf Baustellen in ganz Deutschland.» Wer diese Beschwerden auf sich nähme, den würde eine interessante Arbeit mit sehr gutem Verdienst und relativ guten Jobchancen winken. Nach Angaben aus der Branche liegt das Einstiegsgehalt im Durchschnitt bei monatlich etwa 2500 Euro netto, bewährte Fachkräfte könnten 3500 Euro im Monat verdienen.