Warnung vor Nachwuchsmangel in Pflegeberufen

Osnabrück (dpa) – Die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen müssen nach Ansicht einer Expertin dringend besser werden, um Nachwuchs unter den Mitarbeitern zu finden.

«Wir reden von Zuständen, die sind nicht mehr tragbar», sagte die Pflegewissenschaftlerin Veronika Koch in Osnabrück. Durch die Arbeitsbelastung würden die Mitarbeiter «zerschlissen», das Image der Pflegeberufe sei daher schlecht. «Ich weiß nicht, ob man dem eigenen Kind raten darf, so einen Beruf zu erlernen», sagte die emeritierte Professorin für Pflegewissenschaften und Krankenhausbetriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Osnabrück.

Die Ursachen für die miserablen Betreuungs- und Arbeitsverhältnisse in den stationären Pflegeeinrichtungen seien vielfältig. Neben der umfangreichen Dokumentationspflicht der Pflege, die viel Arbeitszeit koste, sei das Grundproblem aber das Pflegeversicherungsgesetz, das nur eine Teilfinanzierung der Altenpflege gewährleiste. «Der Finanzbedarf, der heute notwendig ist, ist höher als das, was wir zur Zeit haben», betonte Koch.

Mehrere Studien der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass das Personal in den Einrichtungen um fast 40 Prozent aufgestockt werden müsste, um eine qualitativ gute Pflege gewährleisten zu können. Der Einsatz ehrenamtlicher Kräfte sei einerseits zwar unerlässlich, bei zu vielen Ehrenamtlichen aber kontraproduktiv. «Wir wissen heute, dass bei einer Ehrenamtlichen-Quote von 50 Prozent die Fachkräfte mit der Beaufsichtigung und Erklärungen so gebunden sind, dass sie kaum noch zu ihrer eigentlichen Aufgabe kommen.» Ähnliches gelte für den Einsatz von Altenpflegeschülern. «Wenn ich sechs Schüler in meiner Einrichtung habe, bedeutet das laut Stellenschlüssel eine Fachkraft weniger», sagte Koch.

Die Konsequenz sei in vielen Fällen, dass Patienten vom Pflegepersonal ruhig gestellt würden. Die Grenzziehung zwischen medizinisch erforderlichen und nicht akzeptablen Ruhigstellungen sei oft schwierig. Die angespannte Personalsituation begünstige diese Praxis aber.